Developer Week 2013

1. Juli 2013


Vom 24. bis zum 26. Juni 2013 fand die Developer Week 2013 in Nürnberg statt. Auch dieses Jahr durfte ich wieder als Sprecher und Hörer teilnehmen. Hochkarätige Sprecher und Vorträge zu den Themen Mobile, Web und .NET boten einen hohen Informations- und Unterhaltungswert, so dass wohl jeder auf seine Kosten kam.

Hier möchte ich - kurz und bündig - von meinen eigenen Impressionen berichten. Diese gliedere ich nach verschiedenen Themenkomplexen, anstatt sie chronologisch zu sortieren.

Übersicht

  1. Bulletpoints
  2. Die Besten Vorträge
  3. Sexismus
  4. Die Bühne gehört dir
  5. CQRS - Gaga?!
  6. Provokation
  7. Pro & Contra
  8. Danksagung

Bulletpoints

Ich kam bereits am Sonntag an und wohnte am Montag dann pünktlich um 9 der Keynote von Chris Rupp bei. Diese war ausgezeichnet und leitete die DWX angemessen ein. Chris Rupp ist eine ausgezeichnete Sprecherin - von ihren Folien war ich jedoch nicht so überzeugt wie von ihr als Person. Neben zufälligen Stockbildern hatten manche Folien zu viel "Bullet-Point" Inhalt, den man garnicht im Detail wahrnehmen konnte. Ich gab ihr später in der Speakerlounge dazu persönlich Feedback und kam zu dem Schluss, sie müsse eigentlich überhaupt ohne Powerpoint präsentieren.

Natürlich brauche ich ihr da nicht reinreden und vielleicht war das auch anmaßend von mir, aber meine Sicht der Präsentationswelt sollte sich später weiter bestätigen. Die langweiligeren Vorträge hatten viele Slides mit Bulletpoints - die besseren Vorträge verzichteten fast vollständig auf Bulletpoints. Ich selbst versuche seit einer Weile ohne Bulletpoints in meinen Präsentationen auszukommen. was soweit ganz gut klappt. Dazu gibt es einige Tricks, die aber nicht so schwer umzusetzen sind.

Tatsächlich wären viele Vorträge NOCH besser gewesen, wenn die Autoren und Vortragenden auf Bulletpoints verzichtet hätten. Darunter besonders der Vortrag von Christian Jakob /11010) mit dem Titel "Open/Closed für Einsteiger". Inhaltlich war alles einwandfrei, aber die Einleitung hätte kürzer sein können. Als aber Visual Studio aufging war alles vergessen und Christian überzeugte mit sauberen Argumenten und verbessertem Code. Für mich war sein Vortrag ein Highlight der DWX.

Weitere Positivbeispiele stellten auch die Vorträge von Jan Fellien und Roberto Bez mit ("Command & Conquer the segregation") /11012) sowie der Vortrag "Polystrukturierte Daten mit CQRS" von Philip Jander dar. Auch zu nennen sei Marius Schulz der in angenehmer Geschwindigkeit über Knockout.js präsentierte /11099).

Die Besten Vorträge

Wie schon gesagt war der Vortrag von Christian eines meiner Highlights, aber der Vortrag von Philip Jander schlug sie alle um Längen. Es ging um Polystruktuierte Daten mit CQRS /11014). Dabei gelang Philip der Kniff, das Command-Query-Responsibility-Segregation Pattern an einem praktischen Beispiel zu veranschaulichen, ohne dabei zu sehr ins falsche Detail zu gehen. Er schaffte es, dieses - sonst nur sehr abstrakt diskutierte Architekturpattern - sehr konkret greifbar zu machen.

Ich bin ein großer Fan der Wechselwirkung zwischen Theorie und Praxis, und in Sachen Praxis hat Philip einen sehr wichtigen Baustein geliefert. Er zeigte an einem konkreten Beispiel, wie mit Hilfe eines SQL Servers ein EventStore implementiert werden kann (indem man die relationale Natur des SQL ignoriert). Ich war über den Code, den Philip zeigte höchst erfreut, da dieser sehr "empathic" rüberkam. Verschiedene Prinzipien und Praktiken waren hier umgesetzt. Natürlich will ich mir hier nicht selbst die Lorbeeren aufsetzen, da ich niemals selbst an Philips Code mitgewirkt habe. Dennoch war ich froh, Code zu sehen, bei dessen Entwicklung die Lesbarkeit - bzw. "Sprechbarkeit" - ein wichtiger Aspekt gewesen sein muss. Ich selbst bin mir nun über die Antwort zu einer bisher offenengebliebenen Frage etwas sicherer: Empathic Code skaliert und kann auch in einem "Enterprise"-Kontext angewandt werden. Und das sehr gut.

Übrigens: Philip kam ohne Buzzwords aus. "Polystrukturiert" ist hier auch so zu verstehen - und trifft den Kern der Aussage wesentlich besser als der Begriff den andere oft verwenden: "BigData". Philip schaffte es, eine bedeutungsvolle begriffliche Unterscheidung einzuführen.

Sexismus

Gäääähhhnn... Ochhhh... Werden viele jetzt lesen... und schon keine Lust mehr haben. Aber mir wird das Thema immer wichtiger, aus verschiedenen Gründen. Ich war definitiv "geprimed" oder "voraktiviert", wie der Psychologe so schön sagt, durch meine Klausur zum Abschluss der Vorlesung "Genderforschung", die ich im Rahmen meines Psychologiestudiums belegt hatte.

Schlimm finde ich, dass viele das Thema als nervig empfinden und schon keinen Bock mehr auf das Thema haben. Und das bedeutet für mich leider: Die Idioten haben gewonnen.

Die Idioten? Das sind die, die im Rahmen von Hashtag-Aufschrei nur Mist beizutragen hatten. Wie beispielsweise der Stern, der sich auf einmal als Moralwächter gab. Selbsternannte Emanzen und "Pseudofemis" - die die Diskussion kapern und dafür sorgen, dass am Ende jeder nurnoch genervt den Twitterclient abschaltet. Willst du weiterlesen? Dann nicht hier - sondern hier: Ein Kommentar zum Sexismus . Allerdings kam das Thema am Abend der DWX auf und ich finde, es sollte nicht untergehen.

Die Bühne gehört dir

Nachdem am Montag Abend einige interessante Themen diskutiert wurden, lernte ich am Dienstag neue/alte Freunde kennen. Diese kannte ich teils von vergangenen Vorträgen. So kam ich dann dazu, einzuschätzen, wie am Montag mein Vortrag über Python verlaufen war. Ich selbst war mit meiner Performance höchst unzufrieden, was aber an verschiedenen Faktoren lag. Eigentlich war ja alles gut gelaufen - der Raum war gefüllt, die Präsentation klappte reibungslos - nur am Ende war ich etwas nervös und hätte noch etwas echten Code zeigen wollen. Was mich nervös gemacht hatte: Die Bühne . Auch der Herr von der Technik hatte dazu beigetragen. Um 15:00 sollte es losgehen, um 14:59 diskutierte Letztgenannter jedoch noch mit meinem Vorredner. Ich musste die beiden quasi von der Bühne scheuchen. Ich bekam in Sekundenschnelle das Micro - angetackert - mit der Aussage, dass gleich das Licht aus und das Micro anginge - und da war es auch schon geschehen. Ich fühlte mich an die Zeit während des Abiturs erinnert. Ich schauspielerte in der Theater-AG meines Gymnasiums und gegen das Licht der Scheinwerfer sehend kann man im Publikum niemanden erkennen - leider fühle ich mich jedes mal darauf angewiesen. Die Bühne schaffte unangenehme Distanz und der hektische Start machte mich bis zum Ende hin total nervös. Ging wohl trotzdem glatt, zumindest gab es kein vernichtendes Feedback.

Bis zu meinem Vortrag über Empathic Refactoring /11187) am Donnerstag sollte ich mich jedoch weiter in fast panische Präsentationsangst steigern. Eigentlich garnicht mein Ding. Entschuldigt, wenn ich euch damit auf die Nerven gegangen bin. Durch ein-zwei Kniffe konnte ich meine eigene Nervosität am Donnertag morgen abschwächen - ich bin gespannt auf die Videoaufzeichnung von meinem Vortrag, die ich natürlich hier posten werde.

Teil meiner Nervosität war, dass ich im größten Raum der Konferenz präsentieren sollte. An den Seitenwänden wurden neben der Bühne regelmäßig wechselnde Sponsorenlogos eingeblendet. Göthe sei Dank durfte ich diese während meiner Präsentation abschalten. Hier übrigens große Kritik an die Organisation: Ich sehe ein, dass Sponsoren wichtig sind, aber wenn sie sich auf diese Art in die Präsentation schleichen, finde ich das übergriffig und unangenehm. Ich habe keinen Teilnehmer der Konferenz getroffen, der darüber nicht unzufrieden war. Den meisten fiel auf, dass die Logos animiert waren - sie wechselten wohl alle (halbe)-Minute. Hier lässt sich fürs nächste Mal sicher ein besserer Kompromiss finden.

CQRS - GaGAFaldera?!?!

Weil Mike Bild ausfiel, erklärten Jan Fellien , Philip Jander , Carsten König und Ich uns bereit, eine Art OpenSpace Diskussion zum Thema CQRS zu leiten. Leider lief dies (in meinen Augen) nicht so glatt, wie geplant. Viele verließen den Raum, vllt. konnten sie nicht folgen. Durch die "Bühne" wurde eine Diskussion eher behindert. Spätere Diskussionen ergaben jedoch Folgendes:

Während der Sitzung kam Florian Sesser in den Saal. Ich kannte ihn vom Vorabend und hatte mir gemerkt, dass er sehr im Open-Source Bereich unterwegs ist. Aus der Open Source Welt - sprich Python, PHP, Linux/Unix, git, etc. bin ich gewöhnt, dass oft kleine, individuelle Tools bevorzugt werden und dass große, komplizierte Lösungen eher belächelt werden. Diese Perspektive auf CQRS hatte mich direkt interessiert - weshalb ich Florian unmittelbar aufforderte, auf der Bühne Platz zu nehmen und mit uns zu diskutieren (dieser Bitte kam er etwas missmutig nach). Er trug leider "live" nur wenig bei, äußerte jedoch später, wie sehr das Thema für ihn ein "WTF" - darstellte. Genau dies hätte mich eigentlich interessiert. Wir sprachen auf der Bühne von einem "schön umzusetzenden, leichten Architektur-Entwurfsmuster". Für Florian war dies wohl eher unsinniger Hokuspokus , von irgendwelchen Pfeifen, die einfach nur Statemachines nachbauen. Er verglich die abgesetzten "Events" mit OP-Codes eines Prozessors. Im Detail kann ich nicht alles wiedergeben - aber Florian hatte gar nicht so Unrecht. Oft erfinden wir das Rad einfach neu.

Ein weiteres Beispiel? SOLID-Code. Eigentlich gehts dabei ja nur um Objektorientierung... Zumindest war das so mein Gefühl. Aber dazu mehr im Artikel Solid - Das Rad neu erfunden? .

Provokation

Leider verließ ich die DWX am Donnerstag gegen Mittag. Die Keynote scheint sich aber gelohnt zu haben. Ralf Westphal verglich darin wohl TDD-loses Programmieren mit einem Methylamphetaminabhängigen - was viele wohl geschockt hat. Leider kann ich nicht genau wiedergeben, was er sagte (vllt. gab es einen Live-Stream! Es war immerhin die Keynote), aber von vielen Zuschauern wurde die Analogie als "geschmacklos" kommentiert.

Dazu kann ich nur sagen: Gut gemacht, Ralf ! Es braucht vielleicht die Provokation und die schlimmen Bilder im Kopf, den Schock und das Extreme, dass manche endlich mal einen Unterschied feststellen. Als Consultant ist man oft darauf bedacht - möglichst politisch korrekt - bestimmte Standpunkte zu vermitteln. Manche wachen sonst einfach nicht auf oder fühlen sich angesprochen.

An eine Provokation erinnert man sich - nicht aber an das BulletPoint-Bingo ala "Meine Firma wurde 1998 gegründet"... Dazu gehört wohl auch viel Mut und ich bin höchst erfreut, dass Ralf den Mut gefunden hat, zu sagen was er denkt und die Aussage direkt, politisch unkorrekt und ohne Zuckerglasur zu präsentieren. Das würde ich mir von anderen öfter wünschen.

Abschließend möchte ich noch einige Stichworte kommentieren:

Pro

Contra

Damit möchte ich mich ganz herzlich bei allen bedanken, aber ganz besonders bei

Flo Bender , Kerstin Hartmann , Annegret Behncke , Tala Otte , Steffen Monarth , Tilman Börner , Golo Roden , Andreas T. , Carsten König , Johannes Hoppe , Jan Fellien , Roberto Bez , Laurin Stoll , Mike Bild , Kostja Klein , Florian Sesser , Philip Jander , Torsten Weber , Hans-Christian Otto , Hendrik Lösch , Patrick Koglin , Marius Schulz , Jonathan Weiss , Christian Jakob ,

...und bei allen, die ich hier vergessen habe. Abschließend möchte ich noch alle kennen, die mich grüßen ;)

*) "Meth" oder "Crystal" ist eine Droge, die bei Dauerkonsum auch kurzfristig zu extremem körperlichem Verfall führt.